“Dann dachte ich, ich muss etwas ein bisschen bewegen, anstatt mich zu ärgern und meckern.”

“Dann dachte ich, ich muss etwas ein bisschen bewegen, anstatt mich zu ärgern und meckern.”

Kiez-Walk & Talk mit Almut Wetjen, Quartiersratsmitglied und Vorsitzende Förderverein Carl-Bolle Grundschule

Text & Bilder: Katya Romanova

 

Almut Wetjen engagiert sich seit vielen Jahren für ihren Kiez. Als Quartiersratsmitglied und Vorsitzende des Fördervereins der Carl-Bolle-Grundschule setzt sie sich für Bildung, Nachbarschaft und ein lebendiges Moabit ein. In diesem Interview führt sie uns zu den wichtigsten Orten für sie und ihre Familie.

 

Was verbindet dich mit Moabit?

Ich bin aus Neukölln nach Moabit gezogen, damals mit meinem ersten Kind, später kamen noch zwei dazu. Deshalb verbinde ich Moabit stark mit meinem Familienleben. Vorher kannten mein Mann und ich den Stadtteil kaum, was wir aber gerade spannend fanden: irgendwo neu hinzuziehen, wo wir uns beide noch nicht auskennen. Außerdem haben wir hier eine schöne Wohnung gefunden.

Ist Moabit ein guter Ort für Familien?
Ja, auf jeden Fall. Wer sich wünscht, dass Kinder ständig im Wald unterwegs sind, ist hier nicht ganz richtig. Aber für eine Großstadt bietet Moabit viel: gute Spielplätze, viele Betreuungs- und Bildungsangebote und eine gute Infrastruktur für Familien. Mehr Grün im direkten Umfeld wäre schön, aber mit dem Fahrrad ist man schnell im Tiergarten, im Schlosspark Charlottenburg, in der Jungfernheide oder am Plötzensee.

Was ist besonders an Moabit?
Im Vergleich zu Neukölln ist es deutlich ruhiger und weniger überlaufen. Es gibt kaum Tourismus, was ich sehr angenehm finde. 

Wie bist du zum Quartiersrat gekommen?

Eigentlich eher zufällig. Vor etwa sechs Jahren wollte ich den Volksentscheid „Berlin autofrei“ unterschreiben und bin dafür beim Quartiersmanagement vorbeigegangen. Dort habe ich mit Katharina gesprochen, einer damaligen Mitarbeiterin des QMs. Sie hat mich direkt angesprochen und gefragt, ob ich mich nicht selbst engagieren möchte. Da habe ich gemerkt, dass sie eigentlich recht hat. Meine Kinder wachsen hier in Moabit auf, und ich habe mich oft darüber geärgert, wie schmutzig es ist, wie viele Autos alles zuparken und wie man als Radfahrer manchmal angeschnauzt wird.

Irgendwann dachte ich, anstatt immer nur zu ärgern und meckern, sollte ich lieber versuchen, etwas ein bisschen zu bewegen. So bin ich zunächst in die Aktionsfondsjury eingestiegen und habe kleinere Projekte begleitet. Später bin ich dann in den Quartiersrat gewechselt, weil ich weitermachen wollte und mich die langfristigeren Projekte gereizt haben.

Du wolltest auf kommunaler Ebene mehr mitwirken. Was hast du dadurch gelernt?

Ich habe die ganzen Ankerorte überhaupt erst richtig kennengelernt und eben einige Nachbarn. Also ich kenne viel mehr Leute, wenn ich jetzt unterwegs bin, und weiß ungefähr, wer was macht und wen ich wozu so ein bisschen fragen kann. Beim Quartiersmanagement habe ich auf jeden Fall mitbekommen, wie konkret Gelder angefragt und direkt eingesetzt werden können. Ich habe selbst einmal einen Aktionsfonds genutzt.

Wo ich noch nicht so richtig weit gekommen bin, sind die ganzen behördlichen Strukturen. Ich finde es sehr schwer, durchzublicken, wer was macht. Da hatten wir zum Beispiel einmal ein Treffen mit einem Staatssekretär. Wir dachten: „Wow, gewonnen, wir haben einen Staatssekretär hier sitzen.“ Und dann hieß es: „Für diese Maßnahmen bin ich genau der Falsche.“ Da dachte ich: Muss ich wirklich erst ein Studium machen, um zu verstehen, wen ich wozu einladen muss?

Und wie bist du zum Förderverein der Carl-Bolle-Schule gekommen?
Zum Förderverein bin ich gekommen, weil ich dachte, das ist normal: Wenn man Elternteil an einer Schule ist, tritt man in den Förderverein ein.

Dann bin ich zu einem Treffen des Fördervereins gegangen, und da saß nur noch ein anderes Elternteil. Sie haben mir gesagt, dass der Förderverein kurz vor der Auflösung steht. Bevor sich der Förderverein auflöst, habe ich natürlich den Vorsitz übernommen. Wir befinden uns aber gerade in einer Neuordnung.

Wie habt ihr euch für die Carl-Bolle Schule entschieden?

Für uns war ein großer Vorteil, dass die Schule im Dreieck zwischen der Kita und unserem Zuhause liegt. Zuerst habe ich befürchtet, dass mein Sohn dort Gewalt erleben würde – sowohl durch einen rauen Umgang vom Lehrpersonal als auch durch Mobbing oder Angriffe anderer Kinder.

Was ist dann passiert? 

An einem Nachmittag sind mein Mann und ich spontan zur Schule gegangen. Ein Sozialarbeiter sprach uns an, führte uns etwa dreiviertel Stunde durch die Schule, zeigte uns alles und beantwortete unsere Fragen. Danach hatten wir einen sehr guten Eindruck. Besonders das Lehr- und pädagogische Personal habe ich als extrem engagiert, freundlich und angenehm kennengelernt.

Ich hatte allerdings den Eindruck, dass die Schule vernachlässigt wurde. Die damalige Schulleiterin hat sich mit großem Engagement für die Schule eingesetzt und unter anderem den Flex-Ganztag eingeführt.

Später wechselte die Schulleitung. Seitdem wird dieser Weg fortgesetzt. Mit der neuen Schulleitung geht es weiter bergauf. Das Angebot der Schule war schon vor ein paar Jahren gut, heute ist es richtig gut.

Was würdest du dir noch wünschen bei der Schule?  
Aus meiner Sicht wurde sehr viel von dem, was wir uns gewünscht haben, umgesetzt. Durch die Medienöffentlichkeit kamen Senatoren an die Schule, es fand sogar eine BVV-Sitzung dort statt. Auch bei einer Elternvertretersitzung konnten wir unsere Forderungen direkt vorbringen. Trotz sinkender Kinderzahlen hat die Schule die gleiche Anzahl an Lehrkräften und Erzieher:innen behalten. Dadurch haben wir einen sehr guten Betreuungsschlüssel. Von der 1. bis zur 3. Klasse sind es weniger als 20 Kinder pro Klasse. Außerdem gibt es ein neues Demokratieprojekt, das über zwei Jahre läuft und das Miteinander der Kinder stärken soll.

Gerade in Moabit leben viele Menschen in prekären Verhältnissen. Viele Familien haben es schwer, und das wirkt sich auch auf die Kinder aus. Die Kinder sind nett, sie haben einfach Pech mit ihren Lebensumständen. Ich glaube, dass die Gesellschaft das auffangen kann, aber dafür braucht es eine gute Mischung. Wenn 80 Prozent der Kinder einen schwierigen Hintergrund haben und nur 20 Prozent sehr stabile Verhältnisse, dann ist das keine gute Mischung. Unser Anliegen als Elternschaft war deshalb immer, dieser Segregation entgegenzuwirken.

Gibt es etwas, was ich nicht gefragt habe, das du aber gerne noch erzählen möchtest?
Vielleicht, dass ich mir wirklich sehr wünsche, dass es für die Menschen in Moabit, die daran interessiert sind, sich zu vernetzen und mitzusprechen, auch weiterhin möglich sein wird, einen gemeinsamen Rahmen zu haben. Und dass das nicht an einzelnen Privatpersonen hängen bleibt und irgendwann einfach verläuft. Das ist eine Gefahr, die ich durchaus sehe.

Gerade jetzt, wo der Faschismus wieder stärker sichtbar wird, ist es wichtig, sich zu vernetzen, zu wissen, wer wer ist, und zu wissen, dass es mündige Bürger gibt, die sich interessieren und sich engagieren.

 

Orte:

📍Carl-Bolle-Grundschule, Waldenserstraße 20/21, 10551 Berlin

Für uns ist einer der großen Vorteile der Schule, dass sie im Dreieck zwischen Kita und unserem Zuhause liegt. Alles ist sehr nah beieinander.  Wenn wir draußen unterwegs sind, wissen die Kinder oft genau, wer wer ist und treffen ständig bekannte Gesichter.

 

📍SOS-Kinderdorf Berlin, Waldstr. 23/24 

Das ist einer der wichtigsten Orte für meine Familie. Dort gibt es einen Spielplatz und einen Sportplatz, und im Gebäude einen Familientreff. Man bekommt dort Mittagessen und Kaffee, kann sich aber auch einfach hinsetzen, ohne etwas konsumieren zu müssen.

Es gibt viele Angebote für Familien, wir sind manchmal mit einem Flohmarktstand beim Trödelmarkt dabei. Für kleinere Kinder gibt es ein Bällebad, und im Sommer werden Wasserschläuche rausgeholt. Es ist insgesamt ein sehr offener, neutraler Ort, der freundlich und architektonisch ansprechend gestaltet ist.

 

📍Otto-Spielplatz, Alt-Moabit 34, 10555 Berlin

Ich glaube, das ist mein absoluter Lieblingsort für Familien in Moabit. Der Otto-Spielplatz ist wie eine kleine Oase für freundliches Miteinander. Gleichzeitig ist es ein öffentlicher Platz, an dem auch immer wieder Menschen sind, die sich dort aufhalten, darunter auch Obdachlose oder Menschen, die dort Alkohol trinken. Das gehört für mich auch zu diesem Ort dazu.

Der Otto-Spielplatz hat ein sehr vielfältiges Programm. Wenn es Richtung Herbst und Winter geht, wird hier oft ein Feuer gemacht. Manchmal kommt jemand mit Schafen vorbei, und die Kinder können sie aus nächster Nähe erleben und zu ihnen hingehen. Im Sommer gibt es Feriencamps und außerdem eine Art Stammkinder-Regelung. Außerdem gibt es Angebote wie eine Holzwerkstatt oder Zirkusaktionen zum Mitmachen. Genau hier steht auch das neue Zirkuszelt. Ich habe den Eindruck, dass es auch ein wichtiger Rückzugsort für Kinder ist, die zu Hause nicht gut aufgehoben sind.

 

Quartiersmanagement Beusselstraße

Rostocker Str. 35
10553 Berlin
Tel. 030 39 90 71 95
Fax 030 39 90 71 97
qm-moabit@stern-berlin.de

Di.: 10-12 Uhr + 14-16 Uhr

Do.: 10-12 Uhr

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