Kiezklima-Spaziergang durch den Beussel- und Huttenkiez
von Gerald Backhaus
Da das Thema Hitze in der Stadt viele Menschen in Moabit interessiert, trafen sich am 22. Juli 2025 einige von ihnen. Das QM-Projekt „Kühle Ecken entdecken“ hatte zu einem Kiezklima-Spaziergang durch den Beussel- und Huttenkiez eingeladen. Was können wir tun, um Moabit an Hitze anzupassen? Welche Maßnahmen sind an welcher Stelle sinnvoll? Los ging’s im Hof vom Stadtschloss in der Rostocker Straße. Der Stadtplaner Stefan Koderisch vom Projektträger AG Urban stellte das Projekt kurz vor und berichtete davon, was hier auf dem Stadtschloss-Gelände zur Klimaanpassung geschieht. „Es gibt keine bessere Klimaanlage als einen Baum.“ Frei nach diesem Motto soll auf dem bereits aufgelockerten Untergrund auf dem Hof zusammen mit den Leuten aus der Nachbarschaft bald etwas gepflanzt werden. Außerdem werden zwei öffentlich zugängliche Regentonnen mit einem Fassungsvermögen von je 1.000 Liter aufgestellt, die auch künstlerisch gestaltet werden, wahrscheinlich mit Graffiti. Stefan rief dazu auf, dass wer selber etwas machen möchte in seinem Hinterhof oder im öffentlichen Raum, solle sich an ihn und das Kühle-Ecken-Projekt wenden: „Wir unterstützen Euch, und zwar all-inclusive!“ Seine Kollegin Wiebke präsentierte einen Artikel in der Tageszeitung „taz“ zum Klima in Berlin. Darin werden auch das QM und der Beusselkiez erwähnt. Der Beusselkiez sei besonders stark von Hitze betroffen, heißt es, darin und der wärmste Block sei das Siemens-Areal, ein hoch versiegeltes Gewerbegebiet. Hier ist die Anzahl der „Tropennächte“ mit über 20 Grad Celsius in den Nachtstunden besonders hoch.
Stefan Koderisch hatte zu Beginn des Projektes, das bis Ende 2026 läuft, einen Klimabericht verfasst, in dem er und sein Team u.a. die Hitze-Inseln im Beussel- und Huttenkiez analysieren. An der Kreuzung von Wittstocker und Wilsnacker Straße war der nächste Halt des Spaziergangs. Für diesen Platz hatte Stefan gemeinsam mit der Illustratorin Felicitas Butt eine Vision entwickelt, um zu zeigen, was an dieser Kreuzung möglich wäre. Baumscheiben bzw. Baumbeete gemeinsam zu gestalten, empfiehlt der junge Mann. Dabei sollte man beachten, dass es dem jeweiligen Baum gut geht und er sich die anderen Pflanzen gut verträgt. Solche Baumbeet-Bepflanzungen führen zu einer besseren Durchwurzelung des Bodens. Er hält dort mehr Regenwasser. „10 qm = 30 l Regenwasser“ so die Faustformel. Und zur Filterung des Regenwassers an stark befahrenen Straßen gibt es sogenannte Baum-Rigolen. Diese Gitterkonstruktionen werden als Wurzelraum für einen Baum genutzt. Eine der wichtigsten Komponenten nach dem „Stockholmer System“ ist die Be- und Entlüftung der Pflanzgrube von Bäumen. Weitere Ideen: Regentonnen aufstellen und Parklet-artige Hochbeete anlegen. Wer leere Beete ohne Baum bepflanzen möchte, kann sich zur Finanzierung an das Projekt „Kühle Ecken entdecken“ wenden.
Auf dem weiteren Spazierweg gab es zwei Baumscheiben in der Wittstocker Straße zu betrachten. Dort hatte eine Baumpatin einen niedrigen Zaun als kleine Barriere installiert. Das sei eine wichtige Maßnahme, so Stefan, weil Hundkot und -urin den Pflanzen nicht gut tun. Außerdem sinnvoll dort zu beobachten: eine mit Wasser gefüllte Vogeltränke sowie ein Vogelhaus im Baum zur Fütterung im Winter.
In der Berlichingenstraße fiel der Gruppe auf, dass nur eine Straßenseite mit Bäumen bepflanzt ist. Das läge wohl an den Denkmalschutzvorgaben der Siemens-Turbinenhalle, wurde vermutet. Stefan Koderisch erklärte hier die Regel „3 - 30 - 300“, die besagt: Man solle von seinem Zuhause aus mindestens 3 Bäume sehen können. 30 Prozent der Freiflächen im Kiez sollten von Bäumen bedeckt sein, so dass z.B. von oben (Luftbild) im Sommer kein Spielplatz darunter erkennbar ist. In 300 m Entfernung sollte man eine größere Grünfläche haben. Am Beispiel von Museen und ihrer wegen der Gemälde gekühlten Räumen erläuterte Stefan das Spannungsfeld zwischen Denkmalschutz und Klimaanpassung. Er sagte, dass Klimaanlagen die Umgebung des betreffenden Hauses um bis zu 3 Grad erwärmen.
Der Spielplatz in der Reuchlinstraße ist ein Vorzeigebeispiel für einen „kühlen Ort“ in Moabit. Stefan überließ zwei interessierten Teilnehmern die Temperaturmessungen mit seinen mitgebrachten Geräten: auf der betonierten Auffahrt wurden 22 Grad Celsius gemessen. Am kühlsten Ort im Grünen hingegen waren es nur 17 Grad. Berichtet wurde über Erfahrungen von Paris, wo Dächer farblich aufgehellt werden, weil sich die dort üblichen Zinkdächer bis auf das Doppelte aufheizen können - also wenn 40 Grad in der Luft herrschen auf bis zu 80 Grad. Generell erwärmen sich dunkle Flächen deutlich schneller und stärker als helle Flächen.
Ein Gegenstück zum kühlen Platz in der Reuchlinstraße ist der Spielplatz in der Wiebestraße. Er befindet sich zwischen einer Einrichtung der „Kindergärten City“ und dem Denkmalschutz-Ensemble Straßenbahndepot, das als „Classic Remise“ für Oldtimer genutzt wird. Hier sei es viel zu heiß, sagen die von Stefan und seinem Team befragten Eltern und Kinder. Es fehle an Schatten und kühlen Orten. Als eine mögliche Lösung wurde angesprochen, den Zaun zwischen Kindergarten und Spielplatz weg zu nehmen. Doch sei das wegen der Aufsichtspflicht und anderer Bestimmungen kaum realisierbar. Eine für alle zugängliche Regentonne mit Gießkannen soll durch das Projekt am Rande des Spielplatzes aufgestellt werden, und mehr schattenspendende und kühlende Bäume wären gut. Stefan konnte dazu einen Erfolg vermelden: im Herbst 2025 werden hier vom Straßen- und Grünflächenamt Mitte 2 bis 6 Bäume gepflanzt. Darunter sollen klimaresiliente Arten wie ungarische Eiche, Silberlinde und Bergahorn sein. Sind diese Bäume eingepflanzt, „wollen wir sie mit einem Fest willkommen heißen“ (Termin noch unbekannt). Stefan zeigte außerdem eine Sitzmöglichkeit für Eltern, die ihren Kindern beim Spielen zuschauen: Dieses sogenannte Spielplatz-Let aus Holz mit einem kleinen bepflanzten Beet wurde von einem Vorgänger-Projekt des Vereins Restlos Glücklich e.V. mit dem Namen „Prima Klima“ geschaffen. Es gab zudem den Hinweis auf giessdenkiez.de. Durch diese Initiative kann man feststellen, welcher Baum vor dem eigenen Haus steht, wieviel Wasser er braucht und erfahren, wie man eine Patenschaft in Berlin übernehmen kann.
Der Kiezklima-Spaziergang klang - rechtzeitig vor dem nächsten Gewitterregen - am Neuen Ufer am Kaffeerad von „Kiezmachen“ , einem Nachbarschaftsprojekt des Moabiter Ratschlag e.V., mit Gesprächen bei Kaffee und Keksen aus. Stefan zeigte den Beteiligten seinen gedruckten Klimabericht und rief noch einmal dazu auf, wer Lust auf Begrünungsaktionen hat und/oder daran interessierte Kindergärten oder andere Einrichtungen kennt, solle sich bitte bei ihm und dem Projekt „Kühle Ecken entdecken“ melden.
Kontakt: beussel@ag-urban.de Tel. 030–609822540, mehr zum Träger auf www.ag-urban.de
Text & Fotos: © Gerald Backhaus 2025